Flammrichten lässt sich nicht allein durch das Auswendiglernen von Richtfiguren erlernen.
Wer ein verzogenes Bauteil selbstständig richten möchte, muss verstehen, warum der Verzug entstanden ist, wo sich die Längen im Bauteil verändert haben und welche gezielte Längenänderung notwendig ist, um das Bauteil wieder in die gewünschte Form zu bringen.

Genau dieses Verständnis steht bei meinen Schulungen im Mittelpunkt.
Die Teilnehmer sollen nicht nur bekannte Übungsstücke nachrichten können. Sie sollen eine systematische Vorgehensweise erlernen, mit der sie auch unbekannte Richtaufgaben beurteilen und eine geeignete Richtstrategie entwickeln können.
Dabei geht es heute nicht mehr ausschließlich um das klassische Flammrichten. Auch das Induktionsrichten bietet interessante Möglichkeiten für die moderne industrielle Fertigung.
Verzug verstehen – Richtstrategie festlegen – Wärme gezielt einsetzen – Bauteil richten – Ergebnis kontrollieren.
Ziel der Qualifizierung
Mitarbeiter sollen Schweißverzug nicht nur erkennen, sondern selbst beurteilen können, welche Richtmaßnahme sinnvoll ist. Das kann helfen, aufwendiges Pressen, unnötige Vorrichtungen, Nacharbeit und Ausschuss zu reduzieren und verzogene Bauteile schneller wieder in die geforderte Form zu bringen.
Flammrichten wird praktisch immer seltener vermittelt
In vielen Aus- und Weiterbildungen wird Flammrichten heute nur noch überblicksartig behandelt. Grundlagen und Richtfiguren lassen sich theoretisch vermitteln – die Fähigkeit, einen unbekannten Verzug selbstständig zu beurteilen und praktisch zu richten, entsteht jedoch erst durch Verständnis und Übung am Bauteil.
Warum dieses praktische Wissen zunehmend verloren geht und welche Folgen das für die Fertigung haben kann, beschreibe ich ausführlich hier:
→ Warum Flammrichten kaum noch gelehrt wird – und warum jeder Schweißer es verstehen sollte
Flammrichten lernen heißt zuerst, Verzug zu verstehen
Bevor der Brenner oder die Induktionsanlage eingesetzt wird, muss zunächst das Bauteil verstanden werden.
Die entscheidende Frage lautet häufig nicht:
Wo ist das Bauteil krumm?
Sondern:
Wo ist das Bauteil zu lang?
Der sichtbare Verzug ist zunächst das Ergebnis unterschiedlicher Längen und Spannungen im Bauteil. Deshalb beginnt eine systematische Richtstrategie immer mit der Beurteilung des Verzugs und seiner Ursache.
Der Mitarbeiter muss lernen zu erkennen:
- Wie ist der Verzug entstanden?
- Welche Art von Verzug liegt vor?
- Wo befinden sich die entscheidenden Längenunterschiede?
- Wo muss eine gezielte Längenänderung erzeugt werden?
- Welche Richtfigur ist dafür geeignet?
- Wie können Dehnungsbehinderung und Vorspannung genutzt werden?
- Welche Temperatur ist für Werkstoff und Richtaufgabe erforderlich beziehungsweise zulässig?
- Wann muss das Bauteil abkühlen und das Ergebnis kontrolliert werden?
- Wann ist die erforderliche Richtqualität erreicht?
Erst wenn diese Zusammenhänge verstanden sind, werden aus einzelnen Richtfiguren Werkzeuge, die sich auf unterschiedliche Bauteile übertragen lassen.
Eine Struktur, mit der sich unterschiedliche Bauteile richten lassen
Es ist nicht möglich, für jedes Bauteil, das später in der Fertigung auftritt, vorher eine fertige Lösung zu zeigen.
Deshalb lernen die Teilnehmer eine wiederkehrende Vorgehensweise.
1. Verzug beurteilen
Wie ist das Bauteil verformt?
Handelt es sich beispielsweise um Winkelverzug, Längsverzug, Wölbung, Verdrehung oder um eine Kombination verschiedener Verzüge?
2. Ursache verstehen
Wie ist der Verzug entstanden und wo haben Schweißen, Schneiden oder andere Fertigungsprozesse die Längen im Bauteil verändert?
3. Richtstrategie entwickeln
Wo muss eine Längenänderung erzeugt werden?
Welche Richtfigur ist dafür geeignet? Kann mit Dehnungsbehinderung oder Vorspannung gearbeitet werden? Ist Flamme oder Induktion für die Aufgabe sinnvoll?
4. Richteingriff durchführen
Temperatur, Wärmeeinbringung, Brennergröße, Flammeneinstellung beziehungsweise die Parameter der Induktion werden an Werkstoff, Bauteil und Richtaufgabe angepasst.
5. Reaktion des Bauteils kontrollieren
Richten bedeutet nicht, so lange Wärme einzubringen, bis das Bauteil gerade aussieht.
Das Bauteil muss beobachtet, gemessen und die Wirkung des Richteingriffs beurteilt werden. Erst danach wird entschieden, ob und wo ein weiterer Eingriff notwendig ist.
6. Ergebnis beurteilen
Ist das Bauteil funktionsgerecht, optisch oder oberflächenfertig zu richten?
Die erforderliche Qualität entscheidet darüber, wie weit gerichtet werden muss und welcher zusätzliche Aufwand noch wirtschaftlich sinnvoll ist.
Diese Struktur ist wichtiger als das Auswendiglernen möglichst vieler Richtfiguren.
Flammrichten und Induktionsrichten – das Prinzip verstehen
Flamme und Induktion bringen die erforderliche Wärme auf unterschiedliche Weise in das Bauteil ein.
Die grundlegende Aufgabe bleibt jedoch dieselbe:
An der richtigen Stelle muss eine kontrollierte Längenänderung erzeugt werden, damit sich das Bauteil in die gewünschte Richtung verändert.
Flammrichten
Beim Flammrichten wird die Wärme mit einem Brenner gezielt in das Bauteil eingebracht.
Wärmepunkte, Wärmestriche, Wärmeovale, Wärmekeile und andere Richtfiguren ermöglichen eine sehr flexible Anpassung an unterschiedliche Bauteilgeometrien und Verzugsarten.
Entscheidend ist dabei nicht allein die Form der Richtfigur. Ebenso wichtig sind Temperatur, Brennergröße, Flammeneinstellung, Geschwindigkeit, Reihenfolge und Dehnungsbehinderung.
Induktionsrichten
Beim Induktionsrichten wird die Wärme elektromagnetisch in das Bauteil eingebracht.
Ein wesentlicher Vorteil liegt in der Reproduzierbarkeit. Leistung und Einwirkzeit können definiert und bei wiederkehrenden Bauteilen erneut eingesetzt werden.
Damit bietet die Induktion insbesondere bei Serienbauteilen und wiederkehrenden Richtaufgaben interessante Möglichkeiten, einen Richtprozess zu standardisieren.
Zwei Wärmequellen – ein grundlegendes Verständnis
Wer verstanden hat, warum ein bestimmter Richteingriff funktioniert, kann wesentlich besser beurteilen, welche Wärmequelle für eine konkrete Aufgabe sinnvoll ist.
Ich möchte deshalb nicht nur zeigen, wie man mit einer Flamme richtet. Ich möchte vermitteln, wie thermisches Richten funktioniert. Flamme und Induktion sind dabei zwei unterschiedliche Werkzeuge für dieselbe grundlegende Aufgabe.
Warum dauert die praktische Qualifizierung zwei Tage?
Die Grundlagen des Flammrichtens lassen sich erklären.
Die Fähigkeit, dieses Wissen auf ein unbekanntes Bauteil zu übertragen, entsteht jedoch erst durch die Verbindung von Theorie, Beobachtung und praktischer Anwendung.
Deshalb sind meine Seminare zum thermischen Richten auf zwei Tage ausgelegt.
Tag 1 – verstehen, ausprobieren und die Wirkung sehen
Am ersten Tag werden die Grundlagen vermittelt, die für die praktische Arbeit benötigt werden.
Dazu gehören unter anderem:
- Ursachen von Schweißverzug
- Wärmeausdehnung und Schrumpfung
- Dehnungsbehinderung
- Vorspannung
- Temperatur und Wärmeeinbringung
- Brennergrößen und Flammeneinstellung
- grundlegende Richtfiguren
- Beurteilung unterschiedlicher Verzugsarten
- Messen und Kontrollieren des Richtergebnisses
Anschließend wird praktisch gearbeitet.
Die Teilnehmer sehen unmittelbar am Bauteil, was eine bestimmte Wärmeeinbringung tatsächlich bewirkt.
Es geht nicht nur darum zu sehen, dass etwas funktioniert, sondern zu verstehen, warum es funktioniert.
Tag 2 – Wissen auf unterschiedliche Richtaufgaben übertragen
Am zweiten Tag steht der Transfer des Wissens im Mittelpunkt.
Die Teilnehmer wenden die Grundlagen auf unterschiedliche Bauteilgeometrien, Verzugsarten und Werkstoffe an. Richtstrategien werden entwickelt, praktisch ausgeführt und anschließend gemeinsam beurteilt.
Dabei werden auch weiterführende Möglichkeiten des thermischen Richtens behandelt. Dazu gehören je nach Seminar und Aufgabenstellung beispielsweise Edelstahl, Aluminium, Dünnblech sowie das Richten mit Induktion.
Nach zwei Tagen soll der Teilnehmer nicht glauben, jede mögliche Richtaufgabe bereits gesehen zu haben. Er soll verstanden haben, wie er an eine neue Richtaufgabe systematisch herangeht.
Thermisches Richten für die heutige industrielle Fertigung
Die physikalischen Grundlagen des Flammrichtens haben sich nicht verändert. Die industrielle Fertigung dagegen schon.
Moderne Schweißverfahren, automatisierte Fertigung, dünnere und komplexere Konstruktionen, Edelstahl und Aluminium, engere Toleranzen und höhere Anforderungen an sichtbare Oberflächen stellen heute teilweise andere Anforderungen an die Richttechnik.
Gleichzeitig ist Arbeitszeit teuer. Ein Richtverfahren muss deshalb nicht nur funktionieren, sondern schnell, kontrolliert und wirtschaftlich eingesetzt werden können.
Ich habe die klassische Vorgehensweise des Flammrichtens, die ich seit vielen Jahren aus der industriellen Anwendungstechnik kenne, deshalb auf heutige Fertigungsaufgaben übertragen und systematisiert.
Dazu gehören beispielsweise:
- gezielte Dehnungsbehinderung und Vorspannung,
- moderne Spannsysteme,
- die Kombination thermischer und mechanischer Richtverfahren,
- Flammrichten und Induktionsrichten,
- reproduzierbare Richtprozesse,
- das Richten dünner Bleche,
- das Präzisionsrichten von Laser-, Brenn- und Frästeilen,
- sowie die wirtschaftliche Bewertung der erforderlichen Richtqualität.
Thermisches Richten ist für mich deshalb kein Verfahren aus einer vergangenen Fertigungswelt, sondern ein Werkzeug für eine moderne Schweißfertigung.
Ist thermisches Richten wirtschaftlich?
Wenn Schweißverzug nicht beherrscht wird, entsteht der Aufwand häufig an anderer Stelle.
Bauteile werden aufwendig gespannt, mechanisch nachgearbeitet oder mehrfach korrigiert. Vorrichtungen werden gebaut, Teile nachgeschweißt oder im ungünstigen Fall verworfen.
Thermisches Richten kann solche Maßnahmen nicht in jedem Fall ersetzen. Wer das Verfahren jedoch beherrscht, hat eine zusätzliche Möglichkeit, Verzug gezielt und häufig mit vergleichsweise geringem Aufwand zu korrigieren.
Besonders wertvoll wird dieses Wissen, wenn bereits bei der Fertigungsplanung beurteilt werden kann:
Welcher Verzug ist zu erwarten? Was lässt sich vermeiden? Was lässt sich anschließend wirtschaftlich richten?
Damit wird Richttechnik nicht erst zur Reparatur eines Problems eingesetzt, sondern kann Bestandteil einer wirtschaftlichen Fertigungsstrategie werden.
Für wen ist die Qualifizierung sinnvoll?
Die Schulungen richten sich an Mitarbeiter und Verantwortliche, die in ihrer täglichen Arbeit mit Schweißverzug, Bauteiltoleranzen oder Richtaufgaben zu tun haben.
Dazu gehören insbesondere:
Schweißer, Schweißaufsichtspersonen, Meister, Techniker, Fertigungs- und Produktionsverantwortliche sowie Mitarbeiter aus Arbeitsvorbereitung und Qualitätssicherung.
Dabei muss nicht jeder Mitarbeiter später komplizierte Bauteile selbstständig richten. Schon das Verständnis dafür, wie Verzug entsteht und wie ein Bauteil auf Wärme, Schrumpfung und Spannung reagiert, hilft dabei, Fertigungsprobleme besser zu beurteilen und unnötige Maßnahmen zu vermeiden.
Auch für erfahrene Flammrichter
Auch Mitarbeiter, die bereits seit vielen Jahren praktisch flammrichten, profitieren von einer systematischen Schulung.
In vielen Betrieben wurde das Wissen über Jahre von erfahrenen Kollegen weitergegeben und durch eigene Erfahrung ergänzt. Das funktioniert häufig sehr gut – führt aber auch dazu, dass bestimmte Vorgehensweisen angewendet werden, ohne die dahinterliegenden Zusammenhänge vollständig zu kennen oder bewusst zu nutzen.
Eine systematische Betrachtung von Verzugsursache, Längenänderung, Dehnungsbehinderung, Vorspannung, Wärmeeinbringung und Richtstrategie kann deshalb auch erfahrenen Flammrichtern neue Möglichkeiten eröffnen.
Hinzu kommen moderne Verfahren und Hilfsmittel wie Induktionsrichten und heutige Spannsysteme, mit denen sich bekannte Richtaufgaben teilweise schneller, kontrollierter und reproduzierbarer lösen lassen.
Erfahrung wird dabei nicht ersetzt – sie wird durch ein systematisches Verständnis ergänzt und für neue Richtaufgaben nutzbar gemacht.
Drei Wege, thermisches Richten praktisch zu lernen
Je nach Anzahl der Mitarbeiter und Aufgabenstellung gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, das Wissen in den Betrieb zu bringen.
Offenes Seminar Flammrichten und Induktionsrichten
Für einzelne Mitarbeiter oder kleine Teilnehmerzahlen eignen sich meine offenen zweitägigen Seminare.
Grundlagen und Richtstrategien werden gemeinsam erarbeitet und anschließend praktisch an unterschiedlichen Bauteilen angewendet.
Flammrichten bildet dabei die Grundlage. Induktionsrichten wird als moderne Möglichkeit der gezielten und reproduzierbaren Wärmeeinbringung einbezogen.
Inhouse-Schulung im eigenen Unternehmen
Wenn mehrere Mitarbeiter qualifiziert werden sollen, kann die Schulung direkt im Unternehmen stattfinden.
Neben den Grundlagen können dabei – soweit technisch und organisatorisch geeignet – eigene Bauteile und reale Verzugsprobleme aus der Fertigung einbezogen werden.
Das ist besonders wertvoll, weil der Transfer vom erlernten Prinzip auf die tatsächlichen Bauteile und Fertigungsbedingungen unmittelbar im eigenen Unternehmen erfolgt.
Richttechnik dauerhaft im Unternehmen aufbauen
Wenn Schweißverzug regelmäßig auftritt oder das vorhandene Flammrichtwissen nur bei einzelnen erfahrenen Mitarbeitern liegt, kann es sinnvoll sein, über eine reine Schulung hinauszugehen.
Dann werden typische Bauteile und Verzugsprobleme analysiert, geeignete Richtstrategien entwickelt und Mitarbeiter gezielt qualifiziert.
Bei wiederkehrenden Bauteilen können auch definierte Richtabläufe und reproduzierbare Prozesse, beispielsweise mit Induktion, entwickelt werden.
Ziel ist, Richttechnik nicht von einzelnen Wissensträgern abhängig zu machen, sondern als beherrschbaren Prozess in der Fertigung aufzubauen.
Ottmar Obenhin – Richttechnik aus der industriellen Praxis
Ich beschäftige mich seit rund 30 Jahren mit Schweißtechnik und industrieller Anwendungstechnik. Einen wesentlichen Teil dieser Zeit war ich bei Linde tätig.
Flammrichten habe ich über viele Jahre nicht nur theoretisch vermittelt, sondern praktisch an Bauteilen angewendet. In den vergangenen Jahren habe ich mich intensiv damit beschäftigt, klassische Richttechnik mit modernen Spannsystemen, Induktionsrichten und den Anforderungen heutiger Fertigungsprozesse zu verbinden.
Besonders interessant wird meine Arbeit bei Bauteilen, bei denen die üblichen Richtmaßnahmen nicht zum gewünschten Ergebnis führen.
Dann geht es darum, den Verzug und die Längenverhältnisse im Bauteil wirklich zu verstehen und daraus eine geeignete Richtstrategie zu entwickeln.
Genau dieses Verständnis möchte ich weitergeben – damit Mitarbeiter nicht nur einzelne Richtfiguren kennen, sondern Richtaufgaben selbstständig beurteilen und lösen können.
Flammrichten und Induktionsrichten lernen – welcher Weg passt zu Ihrem Unternehmen?
Sie möchten einen einzelnen Mitarbeiter oder eine kleine Anzahl von Mitarbeitern qualifizieren?
Sie möchten mehrere Mitarbeiter direkt in Ihrem Unternehmen schulen und eigene Bauteile einbeziehen?
Schweißverzug tritt bei Ihnen regelmäßig auf und Sie möchten Richttechnik systematisch in der Fertigung aufbauen?
